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5. April 2015: Zeitzeugen erleben den 16. April 1945 noch einmal

Kirchlinteln. Die Kirchlintler Sozialdemokraten wollen mit einem Zeitzeugenfilm an das Ende des Zweiten Weltkriegs am 16. April 1945 in Kirchlinteln erinnern. 70 Jahre später, Donnerstag, 16. April 2015, um 19 Uhr wird im Lintler Krug dieser Film mit Kirchlintler Zeitzeugen, die damals Kinder waren, gezeigt. Für anschließende Diskussionen und Gespräche ist genügend Zeit eingeplant, so SPD-Ortsvereinsvorsitzender Hermann Meyer.

„Wir hörten schon seit Tagen ständiges Schießen und Gegrummel in der Ferne.“ Leonore Vöge, geb. Grieme, kann sich noch gut an das Ende des Zweiten Weltkriegs in Kirchlinteln erinnern. Ihr Elternhaus stand ganz am Ende der Kükenmoorer Straße. Damals gab es noch den freien Blick auf den mit Heide bewachsenen Osterberg.

Die Briten kamen am 14. April aus Richtung Asendorf durch Hoya nach Rethem. Nach der Überquerung der Aller ging es weiter über Otersen, Wittlohe nach Armsen. Auf einer Anhöhee nördlich des Ortes gab es Panzerfaustbeschuss, sodass der Vormarsch stoppte. Am nächsten Tag wurde das bewaldete Gebiet erfolgreich geräumt. Gegen 16 Uhr durchquerten die Briten Verdenermoor und nahmen in der Umgebung von Kükenmoor ihre neue Stellung ein. Bei den Kampfhandlungen wurden 15 deutsche Soldaten getötet und 60 Kriegsgefangene festgenommen. Gegen 6.30 Uhr am nächsten Tag kamen die Soldaten nach Weitzmühlen und wurden von einer Anhöhe nördlich des Ortes angegriffen. Die erfolgreiche Niederschlagung brachte 40 Kriegsgefangene. Gegen 14.30 Uhr trafen die Briten auf hartnäckige Infanteriegegenwehr. Die Voraustruppen wurden mit Rauch und Sperrfeuer bedeckt, dadurch wurden viele Feinde getötet und zwanzig Soldaten festgenommen. Diese emotionslosen Sätze stehen in den Tagebucheintragungen der 3rd Country of London Yeomanry (3rd Sharpshooters).

Leonore Vöge hat die Erlebnisse vom 16. April 1945 immer noch vor Augen. In der Kükenmoorer Straße waren viele Häuser in Brand geschossen. Auch ihr Elternhaus. „Ständig kamen Tiefflieger und schossen. Alle anderen legten sich flach auf die Erde, nur ich blieb stehen, war total schockiert“, erinnert sie sich. Phosphorbomben wurden abgeworfen. „Eine traf die Garage des Nachbarn, in der wir Unterschlupf gefunden hatten.“ Von hier aus floh Leonores Mutter mit ihren drei Kindern in den Wald. „Wir saßen alle im Wald und durften nicht in den Ort. Dann standen die Engländer vor uns, sie sprachen deutsch und suchten nach Soldaten.“ Sie wie auch Walter Thies und andere Zeitzeugen sagten, dass „die Engländer ganz nett zu uns waren“.

Als Leonore am nächsten Tag zu ihrem Elternhaus ging, sah sie den Rumpf eines toten Soldaten im Garten liegen. „Rundherum war alles grau, und es stank nach verbranntem Vieh.“ Es waren die Kühe vom Nachbarn Lindhorst. „Wir hatten nichts mehr und mussten uns eine Bleibe suchen.“ Der Noch-Bürgermeister Köter wies sie in den ehemaligen Kindergarten am Kreuzberg ein. Der war aber unbewohnbar. „Überall lag Munition herum, es war alles schmutzig und dreckig. Ob auch noch tote Soldaten da waren, weiß ich nicht mehr“, sagte Leonore Vöge. Sie sind dann wieder mit dem Handwagen zurück in den Ort, und die Familie wurde aufgeteilt in verschiedene Häuser. Erst als ihr Vater Walter Grieme im Spätsommer 1945 aus amerikanischer Gefangenschaft wiederkam, schöpften sie ein wenig Hoffnung. Er fing an, einen abgebrannten Stall am ehemaligen Wohnhaus umzubauen als Wohnungen für seine Familie.

Den 16. April 1945 hatte Walter Thies, Schulkamerad von Leonore, anders erlebt. Er war mit seinem Vater Georg Thies auf dem Kirchlintler Bahnhof. Der Bahnhofsvorsteher Bartelmes flüchtete vor den Briten und bat den Eisenbahner Thies, seinen Posten zu übernehmen. Walter Thies erinnert sich auch an das Ehepaar Reh, das aus dem ausgebombten Hamburg bei Familie Tröger untergekommen war. Beide waren Lehrer und sprachen englisch. „Mit einer weißen Fahne gingen sie den Heidberg hoch, den Briten entgegen und retteten Kirchlinteln vor weiterer Zerstörung.“

Diese Zerstörung nahmen einige Kirchlintler Nazigrößen ganz bewusst in Kauf. So zum Beispiel Lehrer August Markgräfe. Er sorgte dafür, dass Familien wie die Griemes, deren Mann und Vater im Krieg war, eingeschüchtert wurden. „Meine Mutter erzählte mir, dass sie von einer Frau aus dem Ort angesprochen wurde: ,Wenn du die weiße Fahne raushängst, werdet ihr erschossen‘.“

Viele weitere Details und Erinnerungen gibt es in dem Film mit Kirchlintler Zeitzeugen, die das Kriegsende im Ort erlebt haben. Großformatige, zum Teil unveröffentlichte Bilder geben des Weiteren einen Einblick in die damalige Zeit. Interessierte sind zu diesem zeitgeschichtlichen Abend herzlich eingeladen, so SPD-Ortsvereinsvorsitzender Hermann Meyer.

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